Florence + the Machine – „Ceremonials“

6. November 2011 § Ein Kommentar

Der Zeremonie erster Teil:

Schließe deine Musikanlage an einen Energiekreislauf an. Begib dich in eine andächtige Haltung. Lausche der Zeremonienmeisterin Welch vom ersten bis zum letzten Ton.

Teil zwei:

Fühle dich überrollt. Gib dich dem Überrolltsein hin. Dann,

drittens:

Wundere dich und hinterfrage. Was ist in der letzten Stunde passiert? Hast du deine Andachtshaltung im Zuge kultischer Tänze aufgelockert oder bist du in ihr verblieben, auf die Knie gesunken und hast den Boden geküsst? Bist du nur in dir zusammengesackt vor lauter Bombast? Oder hast du deine andächtige Haltung gar bald verlassen, um den Energiekreislauf deiner Musikanlage vorzeitig zu unterbrechen, mit dem Mantra auf den Lippen: „Es hat sich ausgechort!“

Es folgt ein Zeremonienprotokoll.

1. „Only If For A Night“ beginnt relativ ruhig und wird dann zu einer melodiösen Pop-Ballade mit viel Chor. Sehr radiotauglich. Rituelles Fußwippen und mitsummen.

2. „Shake It Out“: Wieder viel Chor, wieder eine Ballade. Diesmal mit viel Druck und Opulenz. Spätestens jetzt macht sich die starke Produktion des Albums bemerkbar. Ich mach’s mir bequem in meiner Andachtshaltung. Schweife zu irdischen Gedanken ab… Halt!

3. Da hat schon das Nächste Lied angefangen, düsterer und griffiger als die vorherigen, auch wenn mir der Strophengesang von irgendwoher bekannt vorkommt, „What The Water Gave Me“ ist ein erstes Highlight. Epik und Instrumentierung sind hier besser dosiert, das macht den Song nicht weniger pathetisch, hebt ihn aber von dem bereits gehörten ab. Singe den Refrain beschwörend mit und würde es am liebsten gleich noch einmal hören. Vor allem bei dem, was danach kommt.

4. „Never Let Me Go“ versetzt meine Aura in gefährliche Schwingungen. Eine teuer produzierte Eurovision-Song-Contest-Ballade der gehobenen Klasse.  Next please!

5. „Breaking Down“, der einzige Song des Albums (nicht Deluxe Edition), der knapp unter vier Minuten bleibt. So langsam schlafen mir in der Andachtshaltung die Füße ein, es geht weiter im Balladenmodus. Nicht direkt schlecht, herausragend aber auch nicht, ergo langweiliges Mittelmaß, auch was das Tempo angeht. „Lungs“ bot zum gleichen Zeitpunkt schon deutlich mehr auf, unter anderem den großartigen Ausreißer „Kiss with a fist“. Ob es hier auch vergleichbares gibt?

6. „Lover to Lover“: Clap your hands brothers and sisters! Welch setzt hier konstanter auf Klavier und Percussion. Zwar streng genommen wieder eine Ballade, der Chor nimmt sich hier aber mal etwas zurück und es geht ein wenig rockiger zu.

7. Die Hälfte des Ritus haben wir schon hinter uns, „No Light, No Light“ geht in Richtung „Drumming Song“ mit präsenter wenn auch nicht außergewöhnlicher Percussion und einem starken Refrain. Liefert sicher Ansätze für ein paar Remixes und kultische Tänze, droht aber mit dem Rest zu verschwimmen.

8. Und dann kriecht Düsternis zwischen den Klaviertasten hervor und Welch und Chor sorgen für gruselig-satanische Stimmung… „Seven Devils“ ist einer der atmosphärischsten Songs auf dem Album. Gänsehaut mit Repeat-Tasten-Wunsch.

9. „Heartlines“ hat einen Percussion- und Handclap-Beat zu dem man gut um große Feuer tanzen könnte. Löse mich gerade etwas aus meiner Andachtshaltung, da beginnen Florence + the Chor den 08/15 Refrain. Viel lustloses Pathos. Verschenkt!

10. „Spectrum“ gefällt mir genau 50 Sekunden lang, dann setzt wieder der berüchtigte Chor ein. Ich kann es inzwischen nicht mehr ertragen, wäre es der erste Song, könnte ich darüber hinweg sehen, genau das sagt aber auch viel über die Austauschbarkeit einzelner Lieder und das Tracklisting aus. Außerdem wieder der gleiche Gesangsduktus, sogar das wirkte auf Lungs viel variabler.

11. Als wollte sie mich eines besseren belehren versucht sie es auf „All This And Heaven Too“ mal etwas höher und fröhlicher, das klingt aber arg gewollt. Durchschnittliche Musicalballade.

12. Das letzte Stück und ich freue mich tatsächlich schon auf das Verlassen der Andachtshaltung. Dabei ist „Leave My Body“ definitiv einer der besseren Songs, beginnt ruhig und steigert sich dann zu einer sehr schönen, kraftvollen Ballade, die nicht auf den ominösen Chor verzichtet, Welchs Stimme aber den Raum gibt, den man sich viel öfters gewünscht hätte.

Nicht, dass sie sich ihn nicht trotzdem nehmen würde, aber gerade die Gleichzeitigkeit ihrer Stimme und des Chors macht das Album an vielen Stellen zusammen mit der epischen Instrumentierung zu „voll“ und anstrengend. Die einzelnen Lieder gefallen für sich betrachtet fast alle, sind sich aber viel zu ähnlich, deswegen fällt es gegen Ende schwer, sich überhaupt an den Klang einzelner Songs zu erinnern. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es heutzutage kaum noch Alben mit einer richtigen Dramaturgie, auch „Ceremonials“ ist keines. Was woanders nicht zwangsläufig ins Gewicht fällt, ist hier aber ein echtes Minus, weil der Eindruck der Eintönigkeit (ein paradoxer Begriff, bei diesem Bombast-Sound) dadurch nur noch verstärkt wird. Die einzelnen Lieder versinken im an sich guten Stilmixbrei, klarere Gewichtungen in jeweilige Richtungen (Indie, Rock, etc.) hätten in diversen Fällen aber gut getan und für mehr Abwechslung à la „Lungs“ gesorgt. Deshalb fehlt es diesem Album an Griffigkeit und unverwechselbaren Hits, wie sie auf dem Vorgänger zu finden waren. Am besten pickt sich jeder selbst seine 2 bis 3 Lieblingslieder heraus. Ein Durchhänger in der zweiten Runde also, trotzdem zeigen Welch und Band Potential für mehr.

Tagged:, , , , , , , ,

§ Eine Antwort auf Florence + the Machine – „Ceremonials“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Florence + the Machine – „Ceremonials“ auf Kaleidoskopklimpern.

Meta

%d Bloggern gefällt das: